Wir erinnern uns an Yaacov Naor. ∗ 1.8.1948 – 12.12.2018 ∗
Er war vielen von uns ein Freund, ein geehrter Lehrer, ein mutiger Reisender und ein Wegweiser.

Das gemeinsam mit Hilde Gött entwickelte Projekt „Traces of the Holocaust“ (seit den 1990er Jahren) zeigte und zeigt uns Wege, mit dem Opfer und dem Täter als zwei Rollen aller Menschen umzugehen. Die bis heute aktuelle Auseinandersetzung mit der Shoa, an Originalschauplätzen, mit Nachfahren der Opfer und Täter, ermöglicht es uns, die verkörperten, verschwiegenen, kulturalisierten und transgenerational weitergegebenen Spuren in der Erziehung in den Familien Europas und auf der ganzen Welt zu sehen, Worte zu finden, in Begegnung zu kommen.
Yaacov hat uns gezeigt, wie wichtig es ist, die Geschichten der eigenen Familien zu teilen und zu hören, welches Erbe unsere Vorfahren uns für unsere Zukunft mitgegeben haben.
Sehen Sie die Webseite mit Informationen und nächsten Terminen des Projekts „Traces of Holocaust“.
Sehen Sie auf youtube ein Video (19min), in dem Yaacov über sein Leben, seine Arbeit und das Projekt spricht.

Klagelied von Hilde Gött für Yaacov Naor

Klagelieder von Jeremiah sind seit jeher in der Bibel bekannt. Persönlich komme ich aus einer Tradition der Klagelieder. Erlebt habe ich sie als Kind zwar nicht, wusste aber, dass sie in den Bergen üblich sind und kannte sie aus dem Fernsehen oder aus den Erzählungen.

Die Klagelieder als Totenklagen waren eine Hilfe für die Trauernden. Sie sollten die Versteinerungen verhindern und hatten einen heilsamen Effekt auf die Trauernden. Sie sind meistens von alten Frauen gesungen worden und drückten den Schmerz und die Wut über den Tod aus. Sie schaffen eine Öffentlichkeit, in der der Tod und das Leben Platz haben. Das öffentliche Weinen und Klagen der Totenklagen hat seinen heilsamen Wert bei den Trauernden und bindet sie in deren Umfeld ein. Diese Klagelieder werden in bestimmten festgelegten Abständen während des Trauerjahres wiederholt.

Ich habe dieses Klagelied für dich, Yaacov, geschrieben.

Überflutet
von Bildern
seit du
von uns gegangen bist die verschiedenen Ebenen voneinander erfahren miteinander erlebt

in Gruppen und Familie seit 1992
eine lange Zeit

Die erste Begegnung
ein Wochenendseminar
mein Englisch bruchstü
ckhaft dein Deutsch – Jiddisch

Meine Zerrissenheit auffällig erstmalig
Worte gefunden
Spä
ter – sagtest du

ich hätte dir Angst gemacht ganz deutlich
die Gefü
hle in mir
die Tä
ter – Opfer – Aufteilung die Kampfbereitschaft

Der Funke der Zerrissenheit trieb mich
Die Neugier mit Geduld deine Mission

trieb dich
und
führte uns zusammen zum Gruppenleiten

Ganz privat
Reisen
mit deiner Familie
und meiner Familie
Spurensuche
in der Bukowina
Orte der Kindheit
Verwandte deiner Schwiegermutter gefunden auf alten
dischen Friedhöfen
Kaddisch gebetet
Kontraste
die außen bemalten Kirchen
aus dem Mittelalter
ein Stü
ck Vergangenheit
Freude an der Natur
entdecken
reinander
die Zuneigung

Deine Identität
eng verknü
pft
mit deinem Geburtsort
Das DP-Lager in Fö
hrenwald
in Bayern
mit deiner Mutter
aus Polen
mit deinem Vater
aus Litauen
mit ihrem gemeinsamen Schicksal als Ü
berlebende der Shoa

Jahrzehnte später
bist du nach Deutschland gereist
Der Boden ö
ffnete sich wie ein Erdbeben ein Wunder er trug dich
Du wolltest erzä
hlen
deine Geschichte
die deiner Eltern und
die deiner Leute
Es war nicht der Hass
der dich antrieb
es war die Hoffnung
auf Konfrontation
mit dem verursachten Leid

mit der Zerstörung
und der Hoffnung auf Frieden

Dein Anliegen
dich und andere
dem Scherbenhaufen der Nazizeit den Folgen des Größ
enwahns und der Gewalt
zu stellen
Die politischen
und privaten Verbrechen
zu vergegenwä
rtigen
Den Schmerz des Verlustes
von geliebten Menschen
von nicht gekannten Menschen verlorene Orte
zerrissene Beziehungsnetze entweihte Tempel
Genommen
den Glauben
das Recht
auf Identitä
t
auf Wür
de
auf Leben

Du setzt dich ein
geduldig und stetig
klar und bestimmt
humorvoll ermutigend schonungslos forderst du
die Gewalt zu stoppen
die Menschenrechte zu achten
die Sprachlosigkeit zu ü
berwinden selber zu denken und zu handeln für sich selbst einzustehen

rs Tun und Lassen Verantwortung zu übernehmen Mutig die eigene Wahrnehmung auszusprechen

In den Gruppen
zwei klare Positionen scheinbar entgegengesetzt ä
hnliche Betrachtung erlaubten
Schmerz, Trauer, Wut Schuldgefü
hle und Schuld auf die Bühne zu bringen Begegnung
der beiden Seiten
Großes Wort
Miteinander
ein tiefes Sein
bei dem beide vorkommen mit ihrer Geschichte
ihren Gefü
hlen
im Hier und Jetzt
eine Erweiterung dessen was bisher war

Yaacov,
wir haben noch viele Plä
ne gehabt Bücher die nun nicht mehr geschrieben werden
Die miteinander ausgesuchten jungen Kollegen
in unser Konzept
werden nicht mehr
gemeinsam eingefü
hrt
Die Konferenzen werden
ohne unsere Workshops
nun stattfinden mü
ssen
vor allem aber
werden wir uns auf Reisen
nicht mehr begegnen

Lieber Yaacov
Du warst mir
ein Freund, ein Kollege
ein Partner in Gruppen
ein Fels in der Brandung
annehmend, stoisch
mutig, sensibel
verletzlich, ausdauernd
und treu zu dir und anderen
Du hast meine Art
zu denken und zu handeln geprä
gt Dein Lachen
deine Schwere und deine Leichtigkeit deine Gelassenheit und Liebe
werde ich sehr vermissen